Der Regenbogen und die Wolken

Gedanken zum 17. Mai

Der 17. Mai ist ein Tag, der gewissermaßen bunt angestrichen wird. Zumindest im Kalender der Regenbogen-Community. Denn beim 17. Mai handelt sich um den Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie bzw. -feindlichkeit. Auf Englisch International Day Against Homophobia, Biphobia, Interphobia and Transphobia. Kurz IDAHOBIT. Bei diesem Akronym denke man eventuell an Idaho Potatoes. Es hat aber nichts mit Kartoffeln zu tun. Oder doch. Einen deutschen Bezug gibt es eigentlich schon.

Kennt jemand die Etymologie des Spruches „am 17. Mai geboren“?

Ist die volkstümliche Etikettierung „er ist ein 175er“ jemandem überhaupt noch ein Begriff? Diese Redewendungen dienten in der deutschen Kaiserzeit als Bezeichnung für „schwul“ oder „lesbisch“. Denn sie waren saloppe Anspielungen auf Paragraph 175 des im Jahre 1872 in Kraft getretenen Reichsstrafgesetzbuches, und demnach waren sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechtes verboten. Zur Zeit der Nationalsozialisten wurde die bisher diesbezügliche Höchststrafe von sechs Monaten bis auf fünf Jahre angehoben. Mit dem Zusatz § 175a für die „schwere Unzucht“, darunter die männliche Prostitution, wurde die Freiheitsstrafe bis auf zehn Jahre Zuchthaus verschärft. Alleine in den zwölf Jahren des Dritten Reiches wurden rund 50.000 Männer wegen Verstöße gegen § 175 verurteilt, und davon landeten Tausende in Konzentrationslagern, wo sie als Kainsmal den berüchtigten rosafarbenen Winkel tragen mussten. Die Gestapo war übrigens, im Unterschied zur Kriminalpolizei, dazu berechtigt, Schutzhaft zu jedweder Zeit gegen homosexuelle Männer anzuordnen. Eine arbiträre Maßnahme die beispielshalber nach einem Freispruch erfolgte.

Die drakonische Willkür der NS-Zeit dürfte niemanden wundern.

Umso erstaunlicher ist es, dass in der Bundesrepublik Deutschland §§ 175 und 175a weiterhin Anwendung fanden, obwohl selbst in der DDR homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen schon seit Ende der 1950er Jahre nicht mehr geahndet wurden. Ein Bonner Amtsgerichtsrat namens Richard Gatzweiler und der römisch-katholische Volkswartbund forderte sogar, lesbische sexuelle Handlungen unter Strafe zu stellen. Wie es so schrecklich hieß: „Was soll man aber mit einem Baum tun, dem die Fruchtbarkeit versagt ist?“ Erst 1994 wurde der Paragraph endlich gestrichen.

Vier Jahre zuvor, genau am 17. Mai 1990, hatte die W.H.O. beschlossen, die Homosexualität nicht mehr als Krankheit zu klassifizieren.

Wer? Who was it? Ja, keine Geringere als die Weltgesundheitsorganisation. Sogar erst 2018 wurde bei der W.H.O die Transsexualität nicht mehr als psychische Störung charakterisiert! Welch ein Armutszeugnis, dass es so lange gedauert hat. Die queere Community gab sich mit dem Klein-Klein allerdings nicht zufrieden. 2006 bestand beispielsweise der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) auf die Einführung eines Aktionstages gegen Homophobie. LSVD-Sprecherin Sabine Gilleßen und der Franzose Louis-Georges Tin, der zur Forcierung einer UNO-Resolution gegen Homophobie einen Hungerstreik antrat, waren die treibenden Kräfte, die das Datum 17. Mai wählten.

Doch auch diese symbolische Errungenschaft beinhaltet lediglich einen Etappensieg.

Furchtbare Zustände. Aber was hätte das mit dem Veganismus zu tun?

Etliches eigentlich. Zum einen zählen Veganer*innen und Mitglieder*innen der LGBTQ-Community eben zu den Minderheiten sprich Marginalisierten. Zudem ernähren sich viele queere Menschen ohnehin vegan. Stichwort Intersektionalität. Wir tangieren einander also. Queere Menschen wissen aus erster Hand wie es ist, strukturell und selbstherrlich fremdbestimmt zu werden. Und ist das nicht genau das, was den Tieren in der Verwertungsindustrie passiert. Als Transfrau, Person of Color, Feministin und Veganerin kann ich ein Lied davon singen. Das tue ich auch in meinem Kabarettprogramm „Eine eingefleischt vegane Domina zieht vom Leder“. Da geht es zwar um Satire, aber auch um Sozialkritik und Solidaritätsaufrufe.

Denn eins ist klar: Die Wolken, die den Regenbogen zu verfinstern drohen, bedrohen uns alle.


Michaela Dudlay

Die Berlinerin Michaela Dudley, Juris Dr. (US), ist eine Transfrau mit afroamerikanischen Wurzeln, Jg. 1961. Auf der journalistischen Ebene ist sie Kolumnistin beim LGBTQ-Magazin SIEGESSÄULE, dem Kulturheft und Kampfblatt der queeren Szene, sowie freie Redakteurin bei der Tageszeitung TAGESSPIEGEL und Online-Kolumnistin beim GrünerSinn-Verlag. Zudem agiert sie als Expertin in puncto Diversity:  https://www.diva-in-diversity.com. In diesem Zusammenhang tritt sie als Keynote-Rednerin u.a. im Auftrage der Deutschen Bahn und des Senders MDR auf. Sie referiert auch über Feminismus und Antirassismus, darunter auf dem Veganen Sommerfest in Berlin, bei Filmpremieren (z.B. JUST MERCY in Berlin) auf der Frankfurter Buchmesse, für das Transgender Network Switzerland.

Darüber hinaus ist sie aber eine komponierende Kabarettistin. Ihr Kleinkunstprogramm lautet „Eine eingefleischt vegane Domina zieht vom Leder“: https://www.michaela-dudley.de. Diesbezüglich erschien sie als Gastmoderatorin im RBB-Fernsehen zum Berliner Christopher-Street-Day 2019, aber auch in TV-Porträts z.B. in der Kulturzeit (3Sat). Sie ist nicht zuletzt eine freiberufliche, registrierte Übersetzerin (DIN-Certco 7U242), Lektorin und Sprachberaterin Deutsch<>Englisch, die u.a. im Auftrage der Internationalen Filmfestspiele BERLINALE und für diverse Verlage tätig ist. https://www.adverbismax.de.

Weitere Leidenschaften: Schach, Musik (Jazz, Tango, Klassik), Lesen auf Lateinisch, Kochen auf Italienisch, Südafrika, Astronomie, Mathe, Matetee, Ausschlafen.

Jedweder Person hat eine Meinung. Die eine oder andere Person hat sogar eine eigene Meinung.