Husten, ich verschwöre, wir haben ein Problem

Husten, wir haben ein Problem, und da kriege ich so einen Hals. Vielmehr, wir haben Propheten, Propagandisten und Profiteure.

Es kursieren Videos, in denen sogenannte Gesundheitsexperten behaupten, dass das Covid-19-Virus ein Fake sei, und demzufolge betrachten sie sämtliche Schutzmaßnahmen als undemokratisch. Andere Skeptiker halten das Virus zwar für echt, meinen aber, es sei im Labor des Multimilliardärs und Microsoft-Gründers Bill Gates gezüchtet worden, um globales Unheil anzurichten.

Vorab: Wir Veganer pflegen generell eine „aufgeklärte“ Beziehung zur Schulmedizin.

Auf gesunde Ernährung setzend, bevorzugen wir Bio vor Chemie. Wenn es mal akut wehtut, haben wir ja immer noch die Hausärztin auf Speeddial, und das ist auch gut so. Aber grundsätzlich sind wir für Alternative offen, was auch richtig ist. Doch die Offenheit soll nicht zu einer Anfälligkeit verkommen.

Die Quellen der obenerwähnten, drakonischen Eilmeldungen sind „besorgte“ Zeitgenossen, die in weißen Westen und sogar weißen Kitteln auftreten. Viele dieser Charaktere sind in der Tat Mediziner. Allerdings sind sie evident nicht imstande, auf ein aus eigener Feder stammendes Opus einschlägiger Publikationen mitsamt belastbaren Quellen hinzuweisen, was beispielsweise die Pandemie-Forschung oder die Virologie überhaupt anbelangt. Dafür zeichnen sich in ihren erstaunlich leeren Praxisräumen auf. Vor der laufenden Kamera ihres Rechners verbalisieren diese Konjunkturritter geradezu verdrießlich Kassandrarufe, als Diagnosen und Prognosen verpackt, als würden sie ihre Vermächtnisse um fünf vor zwölf aus dem Bunker speien. Wenn sie sich dermaßen blamieren, dass sogar private Portale wie Youtube sie – begrüßenswerterweise – herausschmeißt, jammern sie über Zensur seitens des Überwachungsstaates, obwohal sie bald wieder auf Sendung gehen. Einigen dieser heiser herumbrüllenden Halbgötter in Weiß ist es anzusehen, dass sie, mit Verlaub, keine blauen Pillen mehr vorrätig haben. Quarantäne heißt Entbehrung, für einige offenbar auch Bloßstellung.

Um es klar zu stellen: Kritik an die Politik ist ein wertvolles Attribut der Demokratie.

Und diese Kritik darf und sogar muss unbequem sein und tief sitzen. Ohne Aufruhr hätten Frauen und marginalisierte Minderheiten nicht einmal die paar Rechte zugesprochen bekommen, die wir mittlerweile „besitzen“. Ohne Demonstrationen wäre die Mauer nicht gefallen. Weshalb sollten sich Mediziner also nicht politisch äußern dürfen? Und selbstverständlich steht es ihnen zu, Argumente auch gegen die Impfpflicht vorzutragen. Wenn aber Ärzte Demagogie vor Pädagogik bevorzugen, trägt es nicht zur Genesung der erwiesenermaßen kranken Gesellschaft bei. So gesehen ist dieser „Webcam-Widerstand“ aus dem Wohnkeller allerbestenfalls pathetischer Populismus. Schlimmstenfalls dient dieses Phänomen dazu, die abwegigen politischen Forderungen der sogenannten „Hygiene-Demonstrationen“ – und der Name ist, historisch betrachtet, nicht unbelastet – zu legitimieren. Während das Ende des Zweiten Welt Krieges sich gerade zum 75. Male jährt, hat es, gelinde gesagt, ein Geschmäckle, wenn einige Mitglieder der heutigen Ärztekammern die Corona-Krise missbrauchen, um vor „Bevölkerungsaustausch“ bzw. „Umvolkung“ zu warnen. Würden diese Verschwörungstheoriker mit Äskulapstab bloß von ihrer Schweigepflicht Gebrauch machen, anstatt als Rattenfänger ihre Rodentizide an anfällige Menschen zu verteilen!

Die Ärztinnen und anderen medizinischen Mitarbeiterinnen, die eher Respekt verdienen, sind diejenigen, die vielen, die mit Tapferkeit und Tatendrang, und trotz unausreichender Schutzbekleidung, ihr Leben riskieren, um Covid-PatientInnen zu behandeln.

An die Covidioten: Ihr solltet den „Mut“ dazu haben, die aus Eurer Sicht in den Krankenhausbetten herumlungernden „Corona-Simulanten“ zu Hauf zu besuchen.

Da könntet Ihr ihnen die Leviten lesen und sie mittels Eurer preisverdächtigen Recherchen und Eurer patentierbaren Rezepte heilen. Ohne Maulkörbe. Natürlich auch ohne Masken und Handschuhe. Niesen und genießen gemeinsam. Na, kommt schon! Raus aus der Quarantäne, ran an die Front. Ihr seid doch die furchtlosen Vordenker, oder?


Michaela Dudlay

Die Berlinerin Michaela Dudley, Juris Dr. (US), ist eine Transfrau mit afroamerikanischen Wurzeln, Jg. 1961. Auf der journalistischen Ebene ist sie Kolumnistin beim LGBTQ-Magazin SIEGESSÄULE, dem Kulturheft und Kampfblatt der queeren Szene, sowie freie Redakteurin bei der Tageszeitung TAGESSPIEGEL und Online-Kolumnistin beim GrünerSinn-Verlag. Zudem agiert sie als Expertin in puncto Diversity:  https://www.diva-in-diversity.com. In diesem Zusammenhang tritt sie als Keynote-Rednerin u.a. im Auftrage der Deutschen Bahn und des Senders MDR auf. Sie referiert auch über Feminismus und Antirassismus, darunter auf dem Veganen Sommerfest in Berlin, bei Filmpremieren (z.B. JUST MERCY in Berlin) auf der Frankfurter Buchmesse, für das Transgender Network Switzerland.

Darüber hinaus ist sie aber eine komponierende Kabarettistin. Ihr Kleinkunstprogramm lautet „Eine eingefleischt vegane Domina zieht vom Leder“: https://www.michaela-dudley.de. Diesbezüglich erschien sie als Gastmoderatorin im RBB-Fernsehen zum Berliner Christopher-Street-Day 2019, aber auch in TV-Porträts z.B. in der Kulturzeit (3Sat). Sie ist nicht zuletzt eine freiberufliche, registrierte Übersetzerin (DIN-Certco 7U242), Lektorin und Sprachberaterin Deutsch<>Englisch, die u.a. im Auftrage der Internationalen Filmfestspiele BERLINALE und für diverse Verlage tätig ist. https://www.adverbismax.de.

Weitere Leidenschaften: Schach, Musik (Jazz, Tango, Klassik), Lesen auf Lateinisch, Kochen auf Italienisch, Südafrika, Astronomie, Mathe, Matetee, Ausschlafen.

Jedweder Person hat eine Meinung. Die eine oder andere Person hat sogar eine eigene Meinung.