SONNE UND SEUCHE (C)

Wenn es draußen lenzt, reagieren einige allergisch. Andere allegorisch. So oder so hat meine Wenigkeit hat gelernt, sich an die eigene Nase zu fassen. Deswegen möchte ich von einem Stück aus meinem Repertoire SONNE UND SEUCHE (C) gewissermaßen Nießbrauch machen.

Der lang ersehnte Frühling ist da. Ein strahlend blaues Firmament lockt ins Freie. Doch aus heiterem Himmel geschieht Unheil.

C erschießt aus lauter Jux und Tollerei seine zufällig gewählten Mitmenschen, die Rentner D, E, F, G und H. Zudem verletzt er die Berufstätigen N und T so schwer, dass sie nur deshalb überleben, weil die Ärztinnen und Krankenschwestern in der Not-OP alles geben. Es gelingt den mühsam jagenden Ordnungshütern, den Schützen C aufzugreifen und ihn festzunehmen. C wird zur Rechenschaft gezogen. Bereitwillig gesteht C seine Bluttaten. Er nickt mit dem Kopf und beteuert mit einem Grinsen: Ja, ich war’s. So was tue ich.“

Die Obduktionen stellen bei jedwedem Todesopfer etliche Einschusslöcher fest, und zwar allesamt im Bereich lebenswichtiger Organe. Dabei belegen die Autopsien aber auch die Existenz der Komorbiditäten. Die Opfer D und E beispielsweise waren zur Zeit ihrer Ermordung bereits seit Jahren schwer herzkrank. Weitere Befunde zeigen, dass F und G an Alzheimer-Krankheit litten, während H offenbar von der Morbus Parkinson geplagt war.

Als der Schütze C die Obduktionsberichte mitbekommt, springt er jubelnd in seiner Zelle herum. Dann haut er auf das Tischlein. Er fordert nicht lediglich seine sofortige Freilassung, sondern auch die unverzügliche Rückgabe seiner Feuerwaffen, und zwar mitsamt der restlichen Munition.

Im Stammlokal ist man zutiefst besorgt.

Das geht doch nicht!“, zischt einer aus dem Bierbauch heraus. „Wie kann es nur sein, dass C noch verfolgt wird? Die ganze Hysterie kostet alles Geld. Diese angeblichen Todesopfer waren eh alt und zerbrechlich. Wenn er sie überhaupt abgeknallt hat, gab er ihnen den Gnadenschuss. Fertig.“

„Außerdem wurden zwei gar nicht getötet“, fügt ein Kumpel echauffiert hinzu. „Die Simulanten kriegen sogar Invalidengeld. Kohle zum Schweigen. Wird von der Regierung bezahlt. Ja, habe ich online gelesen.“

„Ich auch“, rülpst ein weiterer Kollege dazu. „Es gibt keine Meinungsfreiheit mehr. Und wo kommen wir hin, wenn in diesem Lande ein geständiger Massenmörder zur Verantwortung gezogen wird? Mensch, die Leute sterben so oder so …“

Im Untersuchungsgefängnis stellt man voller Entsetzen fest, dass der Schütze C ausgebrochen ist. Alsbald verdichten sich zudem die Anzeichen dafür, dass er weiterhin mordet, mehrfach und weiträumig. Die stärksten Indizien dafür sind seine Bekennerschreiben, in denen er, an Hand von spielerischen Rätseln, auch weitere Bluttaten ankündigt. Er entwickelt sich sogar dergestalt, dass er nicht mehr auf Feuerwaffen angewiesen ist, um seine Opfer zu töten. Er erwürgt einige, er erschlägt andere. Hauptsache, er greift sie an ihren schwächsten Stellen an.

Die Regierung ist zuerst frappiert und fassungslos. Dennoch wendet sie sich mit einem eindringlichen Appell an die Bevölkerung: „Es kann uns noch gelingen, den Tatverdächtigen C einigermaßen einzukreisen. Ihre Unterstützung brauchen wir jedoch. Denn er zielt vor allem auf große, dichtgedrängte Menschenmengen. Solange C sein Unwesen noch treibt, müssen Sie zum Schutz des Gemeinwohles Social Distancing praktizieren und mit vorübergehenden Einschränkungen rechnen. Und tragen Sie zu Ihrem eigenen Schutz bitte …“

Im Stammlokal schäumt es.

„Die wollen unsere demokratischen Grundrechte einschränken“, erwidert einer, als er sieht, wie das Flachbildschirm an der Wand plötzlich schwarz wird. Während er sein Smartphone herausholt, fügt er hinzu. „Gerade jetzt, wo das Wetter so schön wird. Es ist eine Verschwörung. Das steht alles hier in diesem Blog. … Moment, die Internetverbindung klappt auch nicht mehr.“

Der Kneipenwirt klärt stöhnend auf: „Jungs, ich hab‘ das den Fernseher und das WLAN ausgeschaltet. Wir müssen vorübergehend dichtmachen, um bessere Schutzvorkehrungen treffen zu können.“

„Sag‘ ich doch, Zensur!“, heißt es daraufhin. „Ein Angriff auf unsere Wirtschaft!“

Es wird immerhin festgestellt, dass eine Gesichtsmaske kaum so teuer und sperrig ist wie eine kugelsichere Weste, trotzdem aber Leben retten kann. Sie ist zudem Ausdruck einer rücksichtsvollen Solidarität mit besonders gefährdeten Zeitgenoss*innen. Und es fällt auf,  dass vermummte Hooligans, historisch betrachtet, ob von links oder rechts kommend, gar keine Probleme mit der selbst aufgelegten Maskenpflicht gezeigt hatten. Wie dem auch sei, wer allen Ernstes eine Mund-Nasen-Bedeckung mit einem Maulkorb verwechselt, möge eventuell besser differenzieren können, wenn er einige Tage auf der Intensivstation als Mediziner, Krankenpfleger, Patient oder Hilfskraft verbringen müsste.

„Sonne und Seuche“


Michaela Dudlay

Die Berlinerin Michaela Dudley, Juris Dr. (US), ist eine Transfrau mit afroamerikanischen Wurzeln, Jg. 1961. Auf der journalistischen Ebene ist sie Kolumnistin beim LGBTQ-Magazin SIEGESSÄULE, dem Kulturheft und Kampfblatt der queeren Szene, sowie freie Redakteurin bei der Tageszeitung TAGESSPIEGEL und Online-Kolumnistin beim GrünerSinn-Verlag. Zudem agiert sie als Expertin in puncto Diversity:  https://www.diva-in-diversity.com. In diesem Zusammenhang tritt sie als Keynote-Rednerin u.a. im Auftrage der Deutschen Bahn und des Senders MDR auf. Sie referiert auch über Feminismus und Antirassismus, darunter auf dem Veganen Sommerfest in Berlin, bei Filmpremieren (z.B. JUST MERCY in Berlin) auf der Frankfurter Buchmesse, für das Transgender Network Switzerland.

Darüber hinaus ist sie aber eine komponierende Kabarettistin. Ihr Kleinkunstprogramm lautet „Eine eingefleischt vegane Domina zieht vom Leder“: https://www.michaela-dudley.de. Diesbezüglich erschien sie als Gastmoderatorin im RBB-Fernsehen zum Berliner Christopher-Street-Day 2019, aber auch in TV-Porträts z.B. in der Kulturzeit (3Sat). Sie ist nicht zuletzt eine freiberufliche, registrierte Übersetzerin (DIN-Certco 7U242), Lektorin und Sprachberaterin Deutsch<>Englisch, die u.a. im Auftrage der Internationalen Filmfestspiele BERLINALE und für diverse Verlage tätig ist. https://www.adverbismax.de.

Weitere Leidenschaften: Schach, Musik (Jazz, Tango, Klassik), Lesen auf Lateinisch, Kochen auf Italienisch, Südafrika, Astronomie, Mathe, Matetee, Ausschlafen.

Jedweder Person hat eine Meinung. Die eine oder andere Person hat sogar eine eigene Meinung.