Veganismus ist Vielfalt

Wir Veganer sind Feuer und Flamme für den heimischen Herd. Denn unsere Küche als Räumlichkeit ist nichts Geringeres als ein Zufluchtsort, an dem wir unsere kulinarischen Wünsche, ob einfach oder extravagant, getrost genießen können. Mit Gemütlichkeit – und in aller Gewissheit. Ohne die Gewissheit kann es sogar keine Gemütlichkeit geben, nicht wahr? Wir kaufen die Lebensmittel selbst ein. Auf dem Markt oder im Bioladen. Voller Engelsgeduld stehen wir am Stand oder vor dem Regal. Mit Stirnrunzeln und Scharfblick studieren wir die in Augenpulverschrift gedruckten Zutaten, und online prüfen wir ähnlich penibel nach. Ja, um böse Überraschungen vorbeugen zu können, überzeugen wir uns menschenmöglichst davon, dass das, was bei uns zu Hause auf den Tisch kommt, keine Tierprodukte enthält. So weit, so gut.

Noch viel Luft nach oben

Aber da draußen in der Diaspora haben wir es nach wie vor nicht immer so leicht. Berufstätige Veganer, die im Betrieb arbeiten, betreten die von Fleisch- und Fischgeruch verpestete Kantine mit knurrendem Magen und der verzweifelten Hoffnung, dass es vielleicht heute wenigstens eine vegane Beilage geben würde. Alsbald verlassen sie die Kantine, und zwar noch mit knurrendem Magen, so sehr ihnen der Appetit vergangen ist. Veganen Studenten in noch vielen Mensen bundesweit geht es ähnlich so. Natürlich hat es Fortschritte gegeben, und diese sollen gelobt werden. Doch es gibt noch viel Luft nach oben. Luft, die weiterhin von dem Gestank gegrillter Leichen geprägt ist.

Na gut, man kann das eigene Essen mitbringen. Ausgemacht hausgemacht. Brotbüchsen, Salatschalen und Warmhaltedosen gibt es mittlerweile in jeglicher denkbaren Größe und Ausführung. Diese Alternative ist pragmatisch, oft preisgünstiger sogar. Und sie fungiert auch als ein leises Protestzeichen.

Wir Veganer müssen dennoch lauter werden

Viel lauter. Viel, so wie in „Vielfalt“. Dabei obliegt es uns, Gehör zu finden, und zwar über unser gastronomisches Ghetto hinaus. Wenn das D-Wort „Diversity“ heutzutage fast in aller Munde ist, dann sollten wir dafür sorgen tragen, dass es sich dabei nicht lediglich um Lippenbekenntnisse handelt. Es steht uns zu, zu fordern, dass die Vielfalt im Ernährungsangebot gefördert wird. Ja, soviel müsste drin sein, wenn man das Konzept der Diversity anpreist. Und die Grundlage dafür gibt es bereits.

Die Charta der Vielfalt

Die 2006 initiierte Charta der Vielfaltist eine Selbstverpflichtung und zugleich ein Verein unter Schirmherrschaft der Bundeskanzlerin. Das erklärte Ziel besteht darin, ein vorurteilsfreies und somit ein produktives Arbeitsumfeld zu schaffen. Zu den rund 3.000 Unterzeichnern zählen Riesenkonzerne, klein- und mittelständische Unternehmen, Behörden und Bildungseinrichtungen. Gemäß der Charta müssen alle Beschäftigten die gleiche Wertschätzung und Förderung erfahren, und zwar unabhängig von Nationalität, ethnischer Herkunft, Religion oder Weltanschauung, Behinderung, Alter, sexueller Orientierung und Identität. Das Feld der anerkannten Schutzbedürftigen bei der Charta ist also begrüßenswert breit, und schon unter den Rubriken „Weltanschauung“ und „Identität“ können wir Veganer uns wiederfinden. Unsere Beweggründe sind mannigfaltig und oft eng miteinander verwoben: Tierethik, Klimaschutz, Ökologie, Gesundheit, Welternährungspolitik. Für viele Veganer, darunter die afroamerikanischen Schwarzen Hebräer und die Jains u.a. aus der „fleischfreien“ indischen Stadt Palitana, gibt es zudem durchaus theologische Beweggründe. Somit sind Veganer auch unter der Rubrik „Religion“ vertreten.

Taten sprechen lassen

In Anbetracht dessen ist es nun wirklich nicht hergeholt, zu erwarten, dass zumindest die Unterzeichner endlich Taten sprechen lassen. Denn die Tinte ist längst trocken. Auf der Arbeit und an der Uni, wo man tagtäglich soviel Zeit verbringt, sollten also auch Veganer nicht das Nachsehen haben. Der Anspruch dürfte freilich auch bei Hoteliers und Veranstaltern Schule machen. Erst recht bei internationalen Konferenzen, Buchmessen und Filmfestivals müsste es gang und gäbe sein, Veganes anzubieten. Wir Veganer hegen zwar keine realistischen Hoffnungen darauf, Fisch und Fleisch aus sämtlichen Speiseplänen zu verbannen, aber es wäre schon, sich nicht mit mickrigen Beilagen begnügen zu müssen.


Michaela Dudlay

Die Berlinerin Michaela Dudley, Juris Dr. (US), ist eine Transfrau mit afroamerikanischen Wurzeln, Jg. 1961. Auf der journalistischen Ebene ist sie Kolumnistin beim LGBTQ-Magazin SIEGESSÄULE, dem Kulturheft und Kampfblatt der queeren Szene, sowie freie Redakteurin bei der Tageszeitung TAGESSPIEGEL und Online-Kolumnistin beim GrünerSinn-Verlag. Zudem agiert sie als Expertin in puncto Diversity: https://www.diva-in-diversity.com. In diesem Zusammenhang tritt sie als Keynote-Rednerin u.a. im Auftrage der Deutschen Bahn und des Senders MDR auf. Sie referiert auch über Feminismus und Antirassismus, darunter auf dem Veganen Sommerfest in Berlin, bei Filmpremieren (z.B. JUST MERCY in Berlin) auf der Frankfurter Buchmesse, für das Transgender Network Switzerland.

Darüber hinaus ist sie aber eine komponierende Kabarettistin. Ihr Kleinkunstprogramm lautet „Eine eingefleischt vegane Domina zieht vom Leder“: https://www.michaela-dudley.de. Diesbezüglich erschien sie als Gastmoderatorin im RBB-Fernsehen zum Berliner Christopher-Street-Day 2019, aber auch in TV-Porträts z.B. in der Kulturzeit (3Sat). Sie ist nicht zuletzt eine freiberufliche, registrierte Übersetzerin (DIN-Certco 7U242), Lektorin und Sprachberaterin Deutsch<>Englisch, die u.a. im Auftrage der Internationalen Filmfestspiele BERLINALE und für diverse Verlage tätig ist. https://www.adverbismax.de.

Weitere Leidenschaften: Schach, Musik (Jazz, Tango, Klassik), Lesen auf Lateinisch, Kochen auf Italienisch, Südafrika, Astronomie, Mathe, Matetee, Ausschlafen.

Jedweder Person hat eine Meinung. Die eine oder andere Person hat sogar eine eigene Meinung.