Veganismus zwischen Verschwörung und Empörung

Auf einer gewissen, geschäftlichen Webseite erschien neulich die frohen Mutes verkündete Behauptung, Viren und Epidemien würden „ihren Beitrag zur Weiterentwicklung“ des „biologischen Lebens“ und der „menschlichen Anatomie und Psyche“ leisten.

Die Anmerkungen lassen den Eindruck entstehen, der Urheber wolle den Sozialdarwinismus und die Selektion feiern.

Wer diesen Nexus als weit hergeholt abstempeln möchte, sollte sich mit der manchmal dichterisch anmutenden Diktion der Eugenik beschäftigen. Doch damit nicht genug: Die Tatsache, dass diese „Wochenbotschaft“ ausgerechnet am 20. April erschien, mag zwar durchaus zufällig sein. Aber gerade dasjenige Datum macht die Angelegenheit, was auch immer ihre wahre Motivation war, nicht weniger auffällig. Es ist ein Datum, das früher rot beziehungsweise braun im Kalender angestrichen wurde. Es ist der Geburtstag des berüchtigtsten, brutalsten Vegetariers aller Zeiten. Spätestens jetzt müsste man das A-H-Erlebnis haben.

Nach wie vor möchte ich unterstreichen, dass das Erscheinungsdatum ein reiner Zufall sein kann. Es ist aber so oder so ein Reinfall, und zwar nicht lediglich in puncto Öffentlichkeitsarbeit. Nicht minder bedauerlich: Die Webseite, um die es sich handelt, ist die Internetpräsenz, die buchstäbliche Domäne des Unternehmers Joseph Wilhelm, der uns als Gründer und Geschäftsführer der beiden Bio-Herstellergesellschaften Rapunzel Naturkost GmbH und Zwergenwiese Naturkost GmbH bekannt ist.

Bekannt, aber so richtig vertraut? Offenbar nicht. Was mich betrifft, da hatte ich mich bislang nicht näher um die Politik des schwäbischen Geschäftsmannes Wilhelm gekümmert. Das Wenige, was meine Wenigkeit über ihn wusste, war auf alle Fälle imponierend.

Der mittlerweile 66-Jährige ist auf dem elterlichen Bauernhof in Großaitingen aufgewachsen, und Anfang der 1970er schloss er eine Ausbildung im Bereiche der biologisch-dynamischen Landwirtschaft ab. Zu seinen Errungenschaften zählen, neben dem nachhaltigen Ausbau seiner Firmen, die Einführung des Fair-Handel-Siegels sowie wirksame Aktionen gegen die Agro-Gentechnik und die Gründen des Preises One-World-Award zur Auszeichnung diverser Institutionen und Menschen, die sich für eine gerechtere, sozialverträglichere art der Globalisierung einsetzen. Soweit das Positive. Wobei seine in der „Wochenbotschaft“ erschienenen Anmerkungen über Covid-19 auch gleichsam „positiv“ waren, zumal er die auslesenden Aspekte des Virus geradezu beglückt begrüßte. Fast gleichzeitig aber betont er, dass das offenbar aus Wuhan stammende Virus ein Fake sei, nichts als Hype, und so er wetterte er gegen die Mund-und Nasen-Schutzmaske als „Synonym einer Maulkorb-Pflicht“. Schon dadurch widerspricht er sich. Was war das, das mit 66 Jahren anfängt?

Widersprüche zählen immerhin zu den primären Merkmalen der Verschwörungstheoretiker*innen, zu denen sich Wilhelm auf eine offensichtlich selbstzerstörerische Weise gesellt.

Inzwischen hat er die skurille „Wochenbotschaft“ entfernt. Bislang wartete er jedoch mit einer ambivalenten Entschuldigung auf, so nach dem Motto, man habe ihn falsch verstanden. Erstaunlich klar ertönen dennoch seine Artikulationen, wenn er sich gegen einen ehemaligen Kooperationspartner austeilt. Er distanzierte er sich nämlich von den „aktuellen Aussagen und Auftritten“ von Attila Hildmann, dabei hervorhebend, dass er während der jahrelangen Zusammenarbeit „zu keinem Zeitpunkt rechtspopulistische oder rassistische Aussagen oder eine entsprechende Einstellung Atilla Hildmann’s feststellen“ konnte.

Tja, der Fall Hildmann. Der tiefe Fall.

Der noch vor kurzem beliebte Vegankoch hat sich durch sein Verhalten als Verschwörungstheoretiker umso eindeutiger und umso rasanter ins Aus, vielmehr nach Rechtsaußen manövriert. Einst Prophet, nun Prolet? Heutzutage irrt er mit nur noch ein paar Dutzend Anhänger*innen vor dem Kanzleramt herum. Wenn er das Megaphon nicht gerade vor den Mund hält, weint er die eine oder andere Träne des Bedauerns. Bei etlichen Großhandelsunternehmen sind die Produkte von Wilhelm und Hildmann, auf Grund ihrer jeweiligen verschwörungstheoretischen Äußerungen, aus dem Sortiment ausgeflogen, was konjunkturtechnisch einer Bauchlandung gleicht, und immer mehr Endverbraucher*innen beteuern, künftig auf die Marken verzichten zu wollen.

Eine repräsentative Umfrage des Portals www.vegan.eu, an dem 3.145 Veganer*innen beteiligt waren, gelangt zum Ergebnis, dass die überwältigende Mehrheit die Verschwörungstheorien im Rahmen der Corona-Krise ablehnt und sich darüber hinaus von rechtslastigem Denken distanziert. Das ist auch gut so. Und die Haltung hat nichts mit einer „Meinungsdiktatur“ zu tun.

Eigentlich darf Rapunzel ihre Haare herunterlassen, Schuppen hin, Schuppen her, ohne dass ich alles gleich über einen Kamm schere.

Und wenn ich in den Bio-Markt gehe, habe ich neben dem Einkaufszettel keine Checkliste für mögliche Verfehlungen seitens der Herstellerfirmen. Ich muss keine Moralkeule mitschleppen. Aber meinen Menschenverstand schalte ich nicht aus. Wenn ein Produzent sich ohne Not aus dem Fenster lehnt oder auf die Seifenkiste steigt und geschichtsvergessene, zukunftsfeindliche Meinungen in die Welt schreit, steht mir auch die Meinungsfreiheit zu. So lasse ich die Rechten links liegen. Dass die Kerle biovegan seien, ändert nichts an meiner Ablehnung. Denn auch ungedüngter Mist ist nach wie vor Mist.


Michaela Dudlay

Die Berlinerin Michaela Dudley, Juris Dr. (US), ist eine Transfrau mit afroamerikanischen Wurzeln, Jg. 1961. Auf der journalistischen Ebene ist sie Kolumnistin beim LGBTQ-Magazin SIEGESSÄULE, dem Kulturheft und Kampfblatt der queeren Szene, sowie freie Redakteurin bei der Tageszeitung TAGESSPIEGEL und Online-Kolumnistin beim GrünerSinn-Verlag. Zudem agiert sie als Expertin in puncto Diversity:  https://www.diva-in-diversity.com. In diesem Zusammenhang tritt sie als Keynote-Rednerin u.a. im Auftrage der Deutschen Bahn und des Senders MDR auf. Sie referiert auch über Feminismus und Antirassismus, darunter auf dem Veganen Sommerfest in Berlin, bei Filmpremieren (z.B. JUST MERCY in Berlin) auf der Frankfurter Buchmesse, für das Transgender Network Switzerland.

Darüber hinaus ist sie aber eine komponierende Kabarettistin. Ihr Kleinkunstprogramm lautet „Eine eingefleischt vegane Domina zieht vom Leder“: https://www.michaela-dudley.de. Diesbezüglich erschien sie als Gastmoderatorin im RBB-Fernsehen zum Berliner Christopher-Street-Day 2019, aber auch in TV-Porträts z.B. in der Kulturzeit (3Sat). Sie ist nicht zuletzt eine freiberufliche, registrierte Übersetzerin (DIN-Certco 7U242), Lektorin und Sprachberaterin Deutsch<>Englisch, die u.a. im Auftrage der Internationalen Filmfestspiele BERLINALE und für diverse Verlage tätig ist. https://www.adverbismax.de.

Weitere Leidenschaften: Schach, Musik (Jazz, Tango, Klassik), Lesen auf Lateinisch, Kochen auf Italienisch, Südafrika, Astronomie, Mathe, Matetee, Ausschlafen.

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